
Der Eklat um den Ausschluss des Ukrainers Wladislaw Heraskewytsch von den Skeleton-Wettbewerben bei den Winterspielen in Italien bewegt die olympische Welt. Die Konfrontation zwischen dem 27-Jährigen und dem Internationalen Olympischen Komitee lenkt den Blick erneut auf die IOC-Regeln für Meinungsäußerungen von Athletinnen und Athleten auf der größten Sportbühne. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Fall.
Warum ist Heraskewytsch aus dem Wettbewerb genommen worden?
Formal wurde der Ukrainer durch den Weltverband IBSF disqualifiziert, der die Hoheit für die Austragung der olympischen Bob- und Skeleton-Wettbewerbe hat. Heraskewitsch sei aus der Startliste gestrichen worden, weil er "sich geweigert hatte, die IOC-Richtlinien zur Meinungsäußerung von Athleten einzuhalten", wie es in der Mitteilung der IBSF hieß. Die Jury urteilte, der Helm des Skeleton-Piloten sei "unvereinbar mit der Olympischen Charta". Auf dem Kopfschutz sind Bilder von rund 20 Athletinnen und Athleten zu sehen, die bei russischen Anschlägen ums Leben gekommen sind.
Um welche Richtlinien geht es?
Ein IOC-Sprecher verwies auf die neu gefassten Regeln für Olympia-Teilnehmer. So wird allen Athletinnen und Athleten in Artikel 40.2 der Olympischen Charta grundsätzlich das Recht auf freie Meinungsäußerung zugesichert - jedoch nur im Rahmen der IOC-Wettkampfregeln. Es gelten damit Einschränkungen während der Wettbewerbe und bei Siegerehrungen. Und in Artikel 50.2 heißt es: "In allen olympischen Anlagen, Veranstaltungsorten und anderen Bereichen sind Demonstrationen jeglicher Art sowie politische, religiöse oder rassistische Propaganda verboten."
Warum gibt es diese Regeln?
Das IOC betont immer wieder, Sport und Politik nicht vermischen zu wollen. Tausende Athletenvertreter hätten daher zuletzt das Regelwerk auch für solche Fälle weiter entwickelt. Demnach sei es der Wunsch einer großen Zahl von Sportlerinnen und Sportlern, unbeeinflusst von politischen Botschaften und ohne den Druck von Machthabern in ihren Heimatländern bei Olympia an den Start gehen zu können. "Sport ohne Regeln kann nicht funktionieren. Wenn wir keine Regeln haben, gibt es keinen Sport", sagte ein IOC-Sprecher.
Warum durften dann andere Olympia-Teilnehmer zum Beispiel Bilder von gestorbenen Angehörigen zeigen?
Der US-Amerikaner Maxim Naumov erinnerte mit einem Familienfoto nach seinem Auftritt im Eiskunstlauf an seine tödlich verunglückten Eltern. Ähnliche Vorfälle gab es auch bei früheren Spielen, wie zum Beispiel 2008, als Gewichtheber Matthias Steiner ein Bild seiner toten Ehefrau bei der Siegerehrung zeigte. Das IOC sagt, diese Aktionen seien stets spontan gewesen und nach den Wettkämpfen erfolgt. In der Regel habe die Dachorganisation eine Verwarnung ausgesprochen, auch bei politischen Botschaften. Heraskewytsch hingegen hatte seine Absicht, mit dem Helm zu starten, vorher angekündigt - so waren die Offiziellen vorbereitet und reagierten unnachgiebig.
Warum durfte Heraskewytsch den Helm dann im Training tragen?
Das IOC argumentierte, es habe dem Ukrainer möglichst viele Optionen geben wollen, sein Anliegen zu präsentieren. Im Training wie auch in der Interviewzone und auf seinen Kanälen in sozialen Netzwerken habe Heraskewytsch sein Gedenken an im Krieg gegen Russland getötete Sportler offen zeigen dürfen. "Nur für die eine Minute des Wettbewerbs hatten wir ihn gebeten, es nicht zu tun", sagte ein IOC-Sprecher.
Warum macht das IOC keine Ausnahme mit Blick auf die Lage der Menschen in der Ukraine?
Die Dachorganisation verweist darauf, dass es viel mehr Konflikte auf der Welt gibt als nur den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. "Denken Sie an den Nahen Osten, denken Sie an Afrika, denken Sie an Südamerika – wenn es jedem erlaubt wäre, sich auf diese Weise auszudrücken, jenseits einer schwarzen Armbinde. Das würde zu einer chaotischen Situation führen", sagte ein IOC-Sprecher. Es gehe nicht um die Botschaft, beteuerte IOC-Chefin Kirsty Coventry, sondern um die Einhaltung der Richtlinien.
Wie realistisch ist ein Erfolg von Heraskewytsch mit einem Einspruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof?
Der Ukrainer zog wenige Stunden nach seinem Ausschluss vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas, der ein Eilverfahren einleitete. Seine Chance auf eine Teilnahme an den olympischen Rennen scheint jedoch dahin, die ersten beiden Durchgänge wurden bereits am Donnerstag gefahren. Heraskewytsch aber dürfte daran gelegen sein, weiter ein Schlaglicht auf das Leid der Menschen in der Ukraine zu lenken. Eine Verhandlung vor der Ad-hoc-Kommission des Cas in Mailand würde weitere Aufmerksamkeit bringen, selbst wenn seine Aussichten auf einen juristischen Sieg wohl eher gering sind.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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