
Zumindest mit der deutschen Olympia-Geschichte ist der Name Draisaitl bereits fest verbunden. Deutschlands aktueller Fahnenträger Leon Draisaitl war noch nicht geboren, als sein Vater Peter den berühmtesten Penalty der deutschen Eishockey-Historie vergab. Am 18. Februar 1994 stand Deutschland in Meribel vor einer Sensation und hatte Kanada um den späteren NHL-Superstar Eric Lindros am Rande einer Viertelfinalniederlage. Zehn Millionen TV-Zuschauer sahen zu, als der von Peter Draisaitl im Penaltyschießen geschossene Puck genau auf der Linie liegen blieb und Deutschland scheiterte. Sogar die "Tagesschau" wurde damals verschoben.
34 Jahre später betritt sein Sohn - endlich, möchte man sagen - die olympische Bühne. Und wie. Bei seiner ersten Teilnahme an den Winterspielen führt der 30-Jährige sogleich das deutsche Team bei der Eröffnungsfeier in Mailand an. "Bei dem Gedanken, am Freitagabend als Fahnenträger zusammen mit dem deutschen Team im San Siro einzulaufen, bekomme ich Gänsehaut. Das ist ein Höhepunkt meiner Karriere", sagte Draisaitl, dem diese Ehre als erster Eishockeyspieler überhaupt zuteil wird.
Aus Calgary zum Treffen mit Bundespräsident Steinmeier in Mailand
Bis zu diesem Karriere-Highlight stand dem Kölner freilich ein logistischer Kraftakt bevor. Am Freitagvormittag soll Draisaitl - wenn alles gut geht - in Italien ankommen und auch auf Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier treffen. In der deutschen Nacht zum Donnerstag stand Deutschlands Sportler des Jahres 2020 noch bei den Calgary Flames auf dem Eis und verlor mit seinen Edmonton Oilers trotz eines Tore-Doppelpacks von ihm mit 3:4. An der offiziellen Vorstellung des Fahnenträgerduos am Donnerstag konnte er wegen seiner langen Anreise daher nicht teilnehmen.
Stattdessen schickte der NHL-Star eine Videobotschaft - "kurz und bündig", wie auch der Deutsche Olympische Sportbund anmerkte. "Ich bin unfassbar stolz darauf" war eine der wenigen Sätze, die er dabei sprach. Die für das Rheinland bekannte Geschwätzigkeit und ausufernde Emotionen sind nicht sein Ding. Auch dies ist ein Grund dafür, warum er trotz seiner überragenden sportlichen Leistungen in der NHL in Deutschland (noch) nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die er vielleicht verdient.
Weikert verteidigt Draisaitl-Wahl
Vereinzelte Kritik an der Wahl zum männlichen Fahnenträger wies DOSB-Präsident Thomas Weikert zurück. Weikert verwies auf das Prozedere der Wahl, bei der Draisaitl 51 Prozent aller Stimmen von rund 135.000 Olympia-Fans und 41 Prozent der Stimmen aus dem deutschen Team bekam: "Ich denke, das ist die richtige Legitimation." Draisaitl wurde dabei Sportlern vorgezogen, die schon einige olympische Erfolge vorweisen können.
Dafür, dass der Eishockey-Star indes vor seiner ersten Olympia-Teilnahme steht, kann er nichts. 2014 gab er als 18-Jähriger sein WM-Debüt. In dem Jahr hatte Deutschland die Winterspiele in Sotschi verpasst. Und 2018 und 2022 verweigerte die NHL ihren Spielern jeweils die Olympia-Teilnahme.
Auch Draisaitl machte Silber-Sensation von 2018 erst möglich
Dabei hatte Draisaitl sogar entscheidenden Anteil daran, dass der bislang größte deutsche Eishockey-Erfolg mit der olympischen Silbermedaille von Pyeongchang 2018 überhaupt möglich wurde. Draisaitl war 2016 Teil der damals noch mit NHL-Spielern gespickten Nationalmannschaft, die in Riga überhaupt die Olympia-Qualifikation schaffte.
Überhaupt verwies Weikert auf Draisaitls sportliche Leistungen. "Er ist ein Superstar, auf den die halbe Welt guckt. Auch für uns ist das eine Ehre, dass so ein Superstar die deutsche Fahne trägt", befand der DOSB-Präsident.
Beinahe unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit entwickelte sich Draisaitl in den vergangenen zwölf Jahren in der besten Liga zu einem Weltklasse-Akteur. Er zählt nun zu den fünf besten Spielern der Welt und ist aktuell mit 14 Millionen US-Dollar pro Jahr bei den Edmonton Oilers der bestbezahlte Eishockey-Spieler des Planeten.
Er war in der NHL Torschützenkönig, bester Scorer, wertvollster Spieler der Liga (MVP) und stand in zwei Stanley-Cup-Finals. Gerade erst wurde er zum zweiten außerhalb von Nordamerika geborenen Spieler der NHL-Historie nach dem legendären Finnen Jari Kurri, der in der achten Saison am Stück mindestens 80 Scorerpunkte sammelte.
Eine Olympia-Teilnahme wurde ihm aber bislang verwehrt. Bis jetzt. "Ich freue mich schon seit Monaten wie ein kleines Kind darauf", sagte der NHL-Superstar vor seiner Abreise aus Kanada.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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