
Der größte Gegner für Jannik Sinner ist er selbst. Das wurde bei seinem historischen Triumph in Rom wieder deutlich, als einzig eine körperliche Schwächephase im Halbfinale den Siegeszug kurz in Gefahr brachte. Ist der italienische Weltranglistenerste fit, steht er aktuell "zwei Stufen über allen anderen", wie der deutsche Tennisstar Alexander Zverev treffend analysierte.
Sinner ist seit 29 Matches unbesiegt und gewann sechs Masters-1000-Turniere hintereinander. Erst als zweiter männlicher Profi neben Novak Djokovic hat er bei allen neun Turnieren dieser zweithöchsten Kategorie im Tennis mindestens einmal triumphiert. Bei den an diesem Sonntag beginnenden French Open in Paris ist der 24-Jährige wieder der haushohe Favorit - und das hat Gründe.
Extraklasse
Mit seinen langen und harten Grundschlägen kann Sinner einen Gegner förmlich erdrücken. Manchmal fühle es sich an, "als würde man gegen eine Wand spielen", sagte Zverev. Jeder, der Sinner schlagen will, muss das eigene Risiko bei fast jedem Schlag erhöhen - doch das steigert die eigene Fehleranfälligkeit. Der Italiener selbst macht nur wenig Fehler. Er agiere wie eine Maschine mit "einer Art künstlichen Intelligenz", sagte Ex-Spielerin Andrea Petkovic.
Sinner improvisiert nicht gerne, er erweitert sein Schlag-Repertoire durch intensives Training. So zählt er inzwischen auch zu den besten Aufschlägern auf der Tour, und seit einigen Wochen setzt er auch Stopps als taktisches Mittel erfolgreich ein. "Er wird noch kompletter", sagte Ex-Profi Philipp Kohlschreiber. Das sei für die Konkurrenz "beängstigend".
Mentalität
Im Tennis müssen die wichtigen Punkte gewonnen werden - und in dieser Hinsicht ist keiner besser als Sinner. "Er hat diese Siegermentalität", sagt sein Trainer Darren Cahill: "Ich glaube, er wurde damit geboren und er liebt diese Situationen." Doch dahinter steckt auch harte Arbeit, Sinner gilt als trainingsbesessen. Auch an seiner einzigen Schwachstelle, die körperliche Belastbarkeit in längeren Matches, arbeitet er. Das Trinken von Gurkenwasser ist nur ein Beispiel für seine optimierte Ernährung. Dazu kommt stundenlange Arbeit mit Physiotherapeuten.
Die Lobeshymnen steckt er erstaunlich gut weg. "Ich spiele nicht für Rekorde, ich spiele für meine eigene Geschichte", sagt er. Und der Druck des Gejagten, dass alle nur auf einen Ausrutscher lauern, hat ihn bislang nicht gebrochen. Genau wie die Diskussion um seine dreimonatige Dopingsperre, nachdem er zweimal positiv auf das anabole Steroid Clostebol getestet worden war. Manche in der Tennis-Szene sehen eine bevorzugte Behandlung. Sinner weiß, dass er deswegen kritisch beäugt wird, doch es scheint ihn mental stärker zu machen.
Das Fehlen von Alcaraz
Die Abwesenheit seines verletzten Dauerrivalen sorgt aktuell für Langeweile bei der Titeljagd. Carlos Alcaraz (23) war in den vergangenen zweieinhalb Jahren der Einzige, der dem Italiener auf Augenhöhe begegnete. Die vergangenen neun Grand-Slam-Siege gingen alle auf das Konto der beiden Ausnahmekönner. Der epische Finalsieg des Spaniers im Vorjahr bei den French Open tat Sinner extrem weh.
Alcaraz' variables und unberechenbares Spiel kann Sinners Power-Tennis ins Stocken bringen. Die sportliche Rivalität der beiden, die sich außerhalb des Platzes gut verstehen, treibt beide zu Höchstleistungen. "Danke dafür, dass du der Spieler bist, der du bist", sagte Sinner nach seinem Finalsieg 2025 in Wimbledon an den unterlegenen Alcaraz gerichtet.
Schwäche von Zverev und Co.
Nach seinem Triumph in Rom hat Sinner in der Weltrangliste knapp 9.000 Punkte Vorsprung auf den Dritten Zverev - das sind im Tennis Welten. Der Deutsche scheint nach neun Niederlagen in Serie gegen den Italiener irgendwie auch den Glauben an einen Erfolg im direkten Duell verloren zu haben. Beim Halbfinal-Aus in Monte-Carlo gegen Sinner sagte Zverev hilfesuchend in Richtung seiner Box: "Ich weiß nicht, was ich gegen ihn machen soll."
Grand-Slam-Rekordchampion Djokovic, der Sinner im Halbfinale der Australian Open eine von insgesamt nur zwei Saisonniederlagen zufügen konnte, hat körperliche Probleme und schied in Rom früh aus. Auch die Top-Ten-Spieler Felix Auger-Aliassime, Ben Shelton, Taylor Fritz und Alex de Minaur plagen sich mit Blessuren oder Formschwächen herum.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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