
Am 10. Juni 2001 wurde Klaus Wowereit, damals SPD-Fraktionsvorsitzender im Berliner Abgeordnetenhaus, zum Kandidaten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters gekürt. Kurz zuvor war die Koalition von CDU und SPD zerbrochen, eine Neuwahl stand an. Bei seiner Rede auf dem SPD-Sonderparteitag sagte Wowereit am Ende den Satz, der ihn berühmt machte: "Damit auch keine Irritationen hochkommen, liebe Genossinnen und Genossen, ich sag's euch auch und wer's noch nicht gewusst hat: Ich bin schwul, und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen."
Ein Interview 25 Jahre danach.
Frage: Wenn Sie an die Situation vor 25 Jahren zurückdenken: Haben Sie damals erwartet, dass Ihr öffentliches Coming-out als Homosexueller solche Wellen schlagen würde?
Antwort: Ehrlich gesagt nein. Es war nichts Strategisches, nichts Geplantes, nichts Abgewogenes im Sinne von: Nutzt es mir oder schadet es mir. Es war eine reine Bauchsituation, aus der heraus das entstanden ist. Ich hatte das Gefühl, dass ein besonderer Wahlkampf bevorsteht wegen der politischen Konstellation mit der damaligen PDS. Deshalb wollte ich vor meiner Nominierung meine persönliche Situation offenlegen, damit das nicht später im Wahlkampf gegen mich verwendet wird.
Frage: Wie gingen Sie dann vor?
Antwort: Also habe ich es zwei Tage vor dem Parteitag dem Landes- und Fraktionsvorstand gesagt und die Reaktion war sehr positiv. Danach rieten mir die Berater davon ab, das öffentlich auf dem Parteitag zu thematisieren. Das war damals noch eine andere Zeit, in der man eher sagte: Wenn schon, dann bitte nicht darüber sprechen. Aber dann verdichteten sich Hinweise, dass Boulevardmedien versuchen würden, daraus ein Thema zu machen. In dieser Situation habe ich entschieden, offensiv damit umzugehen. Davon hätte mich dann auch keiner mehr abbringen können, egal welche Befürchtungen es gegeben hätte.
Frage: Gab es auch Zweifel oder ambivalente Gefühle in dem Moment?
Antwort: Nur ganz kurz. Als ich hörte, dass gezielt nach negativen Geschichten gesucht wird, hat mich das eher bestärkt. Für mich war klar: Dafür muss man sich nicht rechtfertigen. Es ist nichts Schlimmes – und es ist gut so. Dieser Satz kam spontan, er war nicht vorbereitet und stand auch nicht im Manuskript. Die Formulierung hätte auch anders lauten können, aber sie kam eben aus dem Bauch und genau diese Spontaneität hat sie vermutlich so prägnant gemacht.
Frage: Der Satz ist bis heute eng mit Ihnen verbunden. Wie sehen Sie das rückblickend?
Antwort: Es ist schon bemerkenswert, dass wenige Worte so eine Wirkung entfalten können. Die Reaktionen danach waren enorm – national wie international. Innerhalb kürzester Zeit war ich in zahlreichen Talkshows, und es entstand eine breite gesellschaftliche Debatte. Viele Strategen und Agenturen versuchen gezielt, solche Sätze zu entwickeln – bei mir entstand er einfach aus dem Moment heraus. Dass er sich so eingeprägt hat und bis heute erinnert wird: sehr schön, bin ich stolz drauf.
Frage: Hat Ihr Coming-out gesellschaftlich etwas verändert?
Antwort: Ja, davon bin ich überzeugt. Es gab damals noch deutlich mehr Diskriminierung als heute und vieles war tabuisiert. Das hat einen Dammbruch gegeben, gerade im politischen Bereich. Mein Schritt hat für viele eine Art Befreiung bedeutet, auch im privaten Bereich. Ich habe Briefe bekommen von Eltern, die sagten, sie könnten nun offener zu ihren Kindern stehen. Und es gab viele Reaktionen von direkt Betroffenen, die erstmals den Mut fanden, selbst offen zu leben. Diese persönlichen Rückmeldungen haben mir gezeigt, welche Wirkung so ein Schritt haben kann.
Frage: Gibt es heute noch Bereiche, in denen ein Coming-out schwierig ist?
Antwort: Ja, definitiv. Im Profisport ist das Thema nach wie vor ein großes Tabu, bei den Fußballern zum Beispiel. Wenn auf den Fußballplätzen Beschimpfungen wie "Du schwule Sau" auf der Tagesordnung sind, wie soll dann ein junger Mann den Mut haben, sich zu outen. Das ist ganz schwer. Auch in bestimmten Wirtschaftskreisen gibt es weiterhin Hemmnisse. In der Politik hat sich vieles zum Glück normalisiert, aber auch dort verschwinden Vorurteile nicht vollständig, insbesondere auf unteren Ebenen oder zu Beginn einer Karriere.
Frage: Wie beurteilen Sie die Situation heute insgesamt?
Antwort: Es gibt Fortschritte, vor allem im rechtlichen Bereich. Gleichzeitig sehen wir aber auch gesellschaftliche Rückschritte. Man hat den Eindruck, dass es auch wieder zunimmt mit Intoleranz, Anfeindungen und Übergriffen. Das ist auch in einer toleranten Stadt wie Berlin ein großes Problem. Da muss man aufpassen, dass man als Gesellschaft so eine Form von Diskriminierung und Hass nicht zulässt. Da waren wir schon mal weiter. Die Intoleranzen sind nicht weg, sondern werden teilweise geschürt und verstärkt. Das ist eine Entwicklung, die man sehr ernst nehmen muss.
Frage: Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Antwort: Es gibt Unsicherheiten und Ängste in Teilen der Gesellschaft, die politisch instrumentalisiert werden von bestimmten Parteien. Das ist sehr bedenklich. Hinzu kommen kulturelle und religiöse Prägungen in gesellschaftlichen Gruppen, in denen Intoleranz teilweise noch verankert ist. Wenn in bestimmten Religionen offen gegen Homosexualität gepredigt wird, dann braucht man sich auch nicht zu wundern, dass junge Männer diese Haltung übernehmen. Das hat Auswirkungen und das kann man auch sehen. Und es führt dazu, dass Vorurteile wieder sichtbarer werden. Das ist eine Riesenherausforderung.
Frage: Was muss passieren, um dem entgegenzuwirken?
Antwort: Polizei und Justiz sind heute sensibler geworden, das ist ein Fortschritt, dass die Opfer nicht immer diskriminiert werden, wenn sie eine Anzeige erstatten. Das hat sich verbessert. Aber sie greifen erst ein, wenn bereits etwas passiert ist. Entscheidend ist, das vorher etwas passiert, also die Prävention – in Schulen, in Vereinen, im Alltag.
Wenn Beschimpfungen auf Schulhöfen und im Sport geduldet werden, wenn so ein Klima herrscht in den Kabinen und im Vereinsleben, dann hat das eine Wirkung auf Jugendliche und dann läuft da etwas falsch. Da versuchen einige Vereine gegenzusteuern, das ist sichtbar. Aber es ist leider eben immer noch Alltag. Da sind der Sport und auch die gesamte Mehrheitsgesellschaft gefordert und tragen Verantwortung dafür, ein Klima zu schaffen, in dem Diskriminierung keinen Platz hat.
Frage: Werden Sie weiterhin öffentlich Präsenz zeigen, etwa beim anstehenden CSD?
Antwort: Wenn ich in Berlin bin im Juli, gehe ich hin. Und einen Wagen finde ich auch.
ZUR PERSON: Klaus Wowereit (72) war von 2001 bis 2014 Regierender Bürgermeister von Berlin und von 2009 bis 2013 einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD. Der Jurist stammt aus dem Berliner Stadtteil Lichtenrade im damaligen Bezirk Tempelhof. Sein langjähriger Lebensgefährte, der Neurologe Jörn Kubicki, starb 2020 im Alter von 54 Jahren infolge einer Corona-Infektion.
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